Die ehemaligen Mühlen von Lichtenrade

150 Windmühlen prägten einst die hiesige Industrielandschaft

Vor den Anfängen der Industrialisierung um 1870 existierten circa 150 Windmühlen in und um Berlin. Gegenwärtig sind es noch acht. Fünf Holländermühlen und drei Bockwindmühlen. In unmittelbarer Nähe von Lichtenrade stehen die Adlermühle in Mariendorf (ohne Technik) und die Britzer Mühle, die als Einzige noch voll funktionsfähig ist. Bei den beiden genannten Mühlen handelt es sich um Holländerwindmühlen, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts in den Niederlanden erfunden wurden. Die aus Holz, meist achteckig gebauten Mühlen, standen auf einem festen Fundament. Nur die obere Kappe war drehbar. Dies
war ein großer Vorteil gegenüber der Bockwindmühle, bei der das ganze Gebäude, das auf einem Bock gelagert war, bewegt werden musste. Zudem konnte die Holländermühle, durch die höher gelegte Drehebene stabiler gebaut und dem zufolge auch mit größeren Flügelkreuzen versehen werden. Dies führte zu einer wesentlichen größeren Leistung. Bei beiden Windmühlensystemen übernehmen die Flügel die Aufgabe, durch ihre Rotation die Windenergie über Zahnräder im Inneren der Mühle, in mechanische Energie umzuwandeln. Zusätzliche Antriebsenergie erhielt man durch leicht gegen den Boden geneigte Flügel. Die ursprüngliche Aufgabe der Mühlen war es Korn zu zerkleinern. Später nutzte man Mühlen auch zum Mahlen und Zerkleinern von anderen Stoffen. Der Standort der Mühlen war meist außerhalb des Dorfes auf dem Feld und noch effektiver auf einem Hügel um die volle Windenergie nutzen zu können. Um 1900 standen in Lichtenrade zwei Mühlen. Diese befanden sich am nördlichen Ausgang des Dorfes. Auf dem Grundstück Alt-Lichtenrade 33 die Bockwindmühle von Albert Rademeier und auf dem Grundstück Alt-Lichtenrade 25 die Holländermühle von Ferdinand Hänsch. Die Bockwindmühle wurde bereits 1907 wieder abgerissen und südlich von Zossen wieder aufgebaut. Heute kaum vorstellbar waren hier zu dieser Zeit ausgedehnte Kornfelder. Die Windmühlen wurden stets mit einem Namen versehen. Die Namensgebung in Deutschland erfolgte meist nach dem Standort, dem Erbauer oder nach einer ihr verwandten Person. So hieß die Holländermühle in Lichtenrade Luisenmühle, benannt nach dem Vornamen der Frau des Müllers. Die Mühle soll ursprünglich am Prenzlauer Berg gestanden haben, dann wurde sie nach Rixdorf umgesetzt. Im Jahre 1873 ist sie auf einer Generalkarte am Finkenberg in Mariendorf vermerkt. Nach  Lichtenrade kam die Mühle 1893 und war ein Hochzeitsgeschenk an den Sohn. Ebenfalls im Besitz der Familie Hänsch war zur damaligen Zeit die Mariendorfer  Adlermühle. Sämtliche Bauern aus der Umgebung brachten ihr Getreide zur Luisenmühle. Bei gutem Wind betrug die Leistung der Mühle 25 Zentner in der Stunde. Unermüdlich drehten sich ihre Flügel bis ins Jahr 1918. Mit zunehmender Industrialisierung wurden die Mühlen auf lange Sicht unrentabel. So auch die Luisenmühle, die abgerissen und verkauft wurde. Im Haus des Müllermeisters Ferdinand Hänsch lebte sein Sohn Paul Hänsch weiterhin mit seiner zehnköpfigen Familie, bis ein Großfeuer das Haus niederbrannte. Neben dem Grundstück entdeckten Mitarbeiter des Lichtenrader Anzeigers 1982 im Gebüsch einen Mühlstein der Luisenmühle. Diese wurden zusammen mit einem Gedenkstein 1983 an der Pforte zum historischen Dorfkern in einer kleinen Grünanlage zur Erinnerung an die Mühlen in Lichtenrade platziert. Heute, wo auf dem einst freien Feld Neubauten entstanden, erinnert nichts mehr an die Luisenmühle der Familie Hänsch. Nur ein Bild auf einem Garagentor schräg gegenüber (Alt-Lichtenrade 20) lässt noch erahnen, dass hier früher Korn gemahlen wurde.

Marina Heimann

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