Interessante Geschichte des Grundstücks Blohmstraße

Lindcar versuchte es mit dem ‘billigen Kleinauto’

Nach kurzer Zwischennutzung der Firmen Chemische Fabrik A. Wallwig & Co., der Farbenfabrik Asewa und der Maschinenfabrik Arthus Roßberg, zog 1922 die Firma Lindcar in die ehemaligen Räumlichkeiten der Versuchsanstalt
des Reichsmarine-Amtes in der Blohmstraße ein. Lindcar produzierte hier von 1922 bis 1936 Automobile, Fahrräder und Nähmaschinen.

Im August 1920 wurde das Unternehmen zur Herstellung und zum Vertrieb von Kleinautos unter den Namen „Lindcar-Auto-Aktiengesellschaft mit Geschäftssitz in der Kochstraße 37, deren Aufsichtsrat der Bankier Carl Lindemann war, gegründet.

Ab 1921 wurden die Fahrzeuge im Werk in der Mohrenstraße, aus zugelieferten Einzelteilen zusammengebaut. Erstes Model war das dreirädrige “Cyclecar“ mit 7 PS und einen luftgekühltem Motor. Die Form der aus Sperrholz gefertigten Karosserien ähnelte im hinteren Bereich dem eines Bootshecks. Angeboten wurde das Auto als Zweisitzer, die entweder neben- oder hintereinander angeordnet waren. Dieser kostete inflationsbedingt 42.000 Mark.

Mit dem Werbetext „Das billige Kleinauto“ wurde das Auto im Herbst 1921 auf der Deutschen Automobil-Ausstellung der Öffentlichkeit vorgestellt.

Im Juni 1922 nahm dann sogar ein Fahrzeug an einem der ersten Autorennen auf der 1921 neu gebauten AVUS teil. Im gleichen Jahr erfolgte der Umzug in die neue Produktionsstätte (ehemalige Versuchsanstalt der Reichsmarine) nach Lichtenrade. Hier wurden dann wassergekühlte Vierzylindermotoren in die Fahrzeuge eingebaut, die immerhin  schon eine Leistung von 15 PS aufwiesen. Zeitgleich begann man in der neuen Betriebsstätte mit der Produktion von Fahrrädern.

Auf dem auf der AVUS im September 1923 ausgetragenen Kleinautorennen vom ADAC trat ein Lindcar Fahrzeug mit 15 PS gegen ein Fahrzeug der Marke NSU an. Durch sein geringes Gewicht von nur 620 kg konnten sich die Ergebnisse durchaus sehen lassen. Zwar präsentierte sich Lindcar noch einmal im gleichen Jahr auf der Berliner Internationalen-Automobil-Ausstellung, hatte aber hinsichtlich der Konkurrenz keine Aussicht auf Erfolg.

Zum Ende des Jahres 1923 sorgte der Zusammenbruch des Bankensystems und der deutschen Wirtschaft im Lande für eine Hyperinflation. Kleinautohersteller fielen dieser Krise reichenweise zum Opfer. So auch die Firma Lindcar, die daraufhin Anfang 1924 begann mit amerikanischen Automobilherstellern, hinsichtlich der Montage für deren Fahrzeuge im Werk Lichtenrade, zu verhandeln.

Die Gespräche verliefen allerdings erfolglos, sodass man 1924/25 komplett auf die Produktion von Fahrrädern umsattelte. Der anfangs gute Absatz von Fahrrädern brachte allerdings langfristig nicht den erhofften Gewinn. Kurzarbeit wurde angeordnet und im Sommer 1926 dann das Aus für die Lindcar Automobil-AG. Die Lindcar-Werke gingen nach Ausübung eines Optionsrechts auf ein Aktienpaket der Bank für Arbeiter, Angestellten und Beamten AG in ein gewerkschaftseigenes Konsortium über.

Die Firma fungierte ab 1929 als Lindcar Fahrrad-Werke. Über die gewerkschaftliche Organisation vertrieb man fortan im Deutschen Reich über eigene Verkaufsstellen seine Fahrräder. Durch kleine Ratenzahlen konnten die Gewerkschaftsmitglieder schnell ein eigenes Fahrrad erwerben.

Das Konzept ging auf und der Betrieb konnte erweitert werden. Das Grundstück kam in Eigenbesitz und mit 500 Beschäftigten gehörten die Lindcar-Fahrradwerke zu den größten Arbeitgebern in Lichtenrade. Anfang der 30er Jahre versuchte man mit der Produktion von Nähmaschinen, der bestehenden Weltwirtschaftskrise zu entkommen.

Doch die sich zuspitzende politische Lage und die daraus resultierende Machtübernahme der Nationalsozialisten entzogen dem Werk, mit dem Eingriff in den gewerkschaftlichen Eigenbetrieben die Grundlage. So wurde 1936 die Lindcar-Fahrradwerke AG aufgelöst.

Der Automobilhersteller Lindemann soll nach Brasilien emigriert sein. Noch im gleichen Jahr zog die Firma Hermann Herdegen (Briefordnerfabrik) in die Räumlichkeiten.

Marina Heimann

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