Mustersiedlung nach dem 1. Weltkrieg, Abendrot Lichtenrade

Kleinhaussiedlung mit Gärten zur Selbstversorgung

Bei der Abendrotsiedlung handelt es sich um eine Kleinhaussiedlung mit Gartenstadtcharakter die in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg entstanden ist.

Zur Zeit der Industrialisierung befand sich Berlin in einer gewaltigen Wachstumsphase. Dies ließ die Bevölkerung stetig ansteigen und erreichte ihren Höhepunkt mit 4 Millionen Einwohnern mit der Eingemeindung der Vororte zu Berlin, im Jahre 1920.

Die Wohnverhältnisse waren in dieser Zeit alles Andere als komfortabel. Immer mehr Menschen mussten sich Zimmer teilen. In Hinterhöfen und Kellerwohnungen breiteten sich, bedingt durch Luftverschmutzung und unzureichenden hygienischen Verhältnissen, Krankheiten wie Tuberkulose aus. Fast jeder dritte Berliner verstarb um 1900 an der „Schwindsucht“. Antibiotika zur Behandlung der Tuberkulose gab es erst ab 1943.

Die Regierung war gefordert und Reichskanzler Otto von Bismark richtete die zur damaligen Zeit fortschrittliche Sozialversicherung ein. Diese ermöglichte den Bau von Tuberkuloseheilstätten. Bekanntestes Beispiel sind hierfür die Beelitzer Heilstätten vor den Toren Berlins.

Die von vielen Kräften getragene Reformpolitik trug dazu bei, dass in den 1919/20 Jahren auf dem Gebiet des Wohnungsbaus, mit wenig Aufwand und geringen Kosten gesunder Wohnraum mit viel Licht, Luft und Sonne für die breitere Bevölkerung geschaffen wurde.

Die Abendrotsiedlung ist eine typische Kleinhaussiedlung dieser Zeit, die eigenständige Merkmale aufweist. 1918 erwarb die neu gebildete Siedlungsgesellschaft der Gemeinde Berlin-Lichtenrade eine Fläche von 30 ha und beauftragte den Berliner Architekten und Regierungsbaumeister Hans Jessen mit der Planung einer Siedlung. Der Bau der Siedlung erfolgte in zwei Bauabschnitten und bestand ursprünglich aus 119 Hauseinheiten, die in Doppel- und Reihenhausbauweise errichtet wurden. Bauphase 1 bestand aus 67 Hauseinheiten mit 12 unterschiedlichen Haustypen.

Der zweite Bauabschnitt von 52 Einheiten wurde durch die zu dieser Zeit allgemein schlechter werdende wirtschaftliche Lage, vereinfacht gebaut und bestand nur noch aus 2 verschiedenen Wohnhaustypen. Alle Häuser entsprechen allerdings im Wesentlichen einem gemeinsamen Baustil. Sie sind würfelförmig, mit Walmdach und Biberschwanzabdeckung im Hauptgebäude, Sprossenfenster mit Fensterläden und hölzernen Haustüren mit Glaseinsatz. Als Bauschmuck erhielten diese Häuser ein aus einer Klinkerschicht gefertigtes Gesimsband.

Die Bebauung ist aufgelockert. Die Gärten, die zur Selbstversorgung der Bewohner mit frischem Obst und Gemüse sowie zur Kleintierhaltung bestimmt waren, sind mit Wirtschaftswegen untereinander verbunden. Bekannteste Bewohner waren Paul Fechter, Theater- und Kunstkritiker und der Arzt Hans Kollwitz, ältester Sohn von Käthe Kollwitz. Fechter lebte von 1921 bis 1958 im Franziusweg 63, wo sich heute eine Gedenktafel am Haus befindet, die darauf hinweist, dass hier am 26. Juli 1944 die letzte Sitzung, der 1863 gegründeten Mittwochs-Gesellschaft stattfand. Dr. Hans Kollwitz wohnte mit seiner Familie seit 1922, kriegsbedingt mit Unterbrechung, in dem Reihenhaus, Waldweg 29 /Ecke Grenzweg.

Bei Modernisierungen bzw. baulichen Veränderungen muss die Einheitlichkeit der Hausgruppen gewahrt werden. Dies gilt auch für die Verwendung von Materialien. Auch wenn die Abendrotsiedlung nicht unter Denkmalschutz steht, gilt bei ihr der oberste Grundsatz, der zur Erhaltung der historischen Bausubstanz.

Marina Heimann

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