Scharoun in Lichtenrade

 

Eher unscheinbar wirkt das Haus "Mohrmann" in der Falckensteinstraße beim Vorübergehen. Seine Kostbarkeit erschließt sich dem Betrachter erst von der vom Garten aus zugewandten Seite……
Man stellt sich natürlich erst einmal die Frage, warum ein so berühmter Architekt, der ein so großartiges Gebäude wie die Philharmonie erschaffen hat, ein Einfamilienhaus in Lichtenrade baute. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns erst einmal mit Scharoun selbst und mit der Zeit, in der er als Architekt wirkte, beschäftigen.

Scharoun, 1893 in Bremen geboren und in Bremerhaven aufgewachsen, studierte 1912 bis 1914 Architektur an der Technischen Hochschule in Berlin Charlottenburg. Nachdem er freiwillig im 1.Weltkrieg diente, arbeitete er bis 1925 als freier Architekt im ostpreußischen Insterburg.

1926 schlossen sich junge Architekten mit der Zielsetzung zusammen das Neue Bauen in der Weimarer Republik zu fördern. In ihrer Vereinigung "Der Ring" (gegründet von Hugo Häring und Ludwig Mies von der Rohe) ging es darum nach neuen Bautechniken zu suchen und diese umzusetzen. Dabei gab es recht unterschiedliche Meinungen. Während z.B. Walter Gropius sich eher mit der industriellen Bauweise auseinandersetzte, mit der Begründung, dass die Mehrheit der Bewohner "gleichartige Lebensbedürfnisse" haben, fand Hans Scharoun seinen Baustil des organischen Bauens unter dem Einfluss von Hugo Häring. Organisches Bauen sollte nicht der Zweckerfüllung dienen, sondern vielmehr die Bedürfnisse des Einzelnen in den Vordergrund stellen. Scharoun bestimmte die Form des Raumes unter Berücksichtigung des darin lebenden Menschen und daraus folgend dessen Grundriss.

1933 kam es zur Auflösung der Vereinigung. Während viele seiner Kollegen ins Ausland gingen, blieb Scharoun in Deutschland. Seine Bauweise kam bei den Nationalsozilisten, als anders Denkender, nicht gut an und er zog sich zurück. In dieser Zeit beschränkte er sich auf den Bau von Einfamilienhäusern. Musste er diese nach außen den Baubestimmungen der damaligen Zeit anpassen, konnte er den Innenbereich nach den Vorstellungen des Eigentümers gestalten. Von 1933 bis 1945 entstanden fünfzehn solcher Häuser, meist für Verwandte oder Freunde. Das Haus in der Falckensteinstraße in Lichtenrade, gebaut 1939 für seinen Schwager Oberbaurat Kurt Mohrmann, ist eines dieser fünfzehn Häuser in Deutschland. Aber was bedeutet speziell, am Haus Mohrmann gesehen, organische Bauweise. Aus der Gartenperspektive kann man erahnen, in wie weit er den Reichtum der Natur versuchte beim Bauen zu integrieren. Der Raum soll uns die Möglichkeit geben diesen zu erleben bzw. ein Teil dessen zu sein, quasi wie eine Haut. Die fließend ineinander übergehenden Wohnräume trennen sich durch versetzte Niveaus und Stufen voneinander ab. Von der höher liegenden Musikecke, wo sich der Platz für ein Piano fand und der durch das Bleiglasfenster in Form von Klaviertasten keinen Einblick von der Straßenseite her bietet, erstreckt sich in einer abgestuften Ebene das Studio mit Kamin zu einer sich weit zu öffnenden Terrassentür. Scharoun verwendete an Stelle von Eisenstützen, mangels Eisen, Segmentbögen, die sich als statisch günstige Form zur Überspannung von Wohnräumen anboten.

Der gleitende Übergang vom Wohnbereich in die Küche wird durch einen Essbereich in Halbkreisform, der von der Gartenseite auch als runder Anbau zu erkennen ist, gestaltet. Für eine Abtrennung der Räume sorgen Schiebetüren oder Vorhänge. Des Weiteren befindet sich an der nordwestlichen Seite eine kleine Einliegerwohnung mit Terrasse zum Garten. Eine Treppe führt zu dem oberen Geschoss, das sich im Spitzdach des Hauses befindet. Das durchbrochene Geländer im oberen Bereich lässt dem Betrachter die Möglichkeit den Raum von oben nach unten als Ganzes zu sehen und es entsteht kein Gefühl von Enge. Im oberen Bereich befinden sich zudem die Schlafräume der Eltern und Kinder. Obwohl die Räume relativ klein sind, hat Scharoun auch hier eine Möglichkeit gefunden diese nicht als Beklemmung zu empfinden. Durch Einbauschränke und integrierte Regale in der Wand und zusätzliche Wanddurchbrüche versehen mit Schiebefensterladen wirken diese Räume großzügig.

Der heutige Eigentümer nennt seinen "Schatz" scherzhaft die kleine Philharmonie. Damit hat er nicht ganz unrecht. So wendete Scharoun schon hier im Kleinen an, was er später bei seinem Hauptwerk, der Philharmonie, im Großen auch nach außen hin verwirklichte.

Zwar musste Scharoun, der seit Gründung der Akademie der Künste 1954 Präsident war und 1956 seinen preisgekrönten Wettbewerb zum Neubau der Philharmonie vorlegte, noch bis 1960 zur Grundsteinlegung warten, konnte dann schließlich als 70 jähriger deren Eröffnung am 15. Oktober 1963 feiern.

Scharoun wurde 1969 die Ehrenbürgerwürde der Stadt verliehen. Er starb im November 1972. Ein Ehrengrab befindet sich auf dem Waldfriedhof in Zehlendorf.


Wir bedanken uns bei der Autorin
© Marina Heimann www.brueckenpfad.de

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