Der Einzug der Gaslaternen in Lichtenrade

 

Die Geschichte der Gaslaternen beginnt in Berlin im September 1842 mit der Beleuchtung der Straße „Unter den Linden“. Die sogenannte Camberwell-Laterne der englischen Gasgesellschaft „Imperial Continental Gas Association“ (kurz I.C.G.A.) war der Beginn eines zentralen Licht-Versorgungsnetzes in Berlin und trug nachweislich zur industriellen Entwicklung Berlins bei. Diese erste Berliner Gaslaterne bestand aus einer vierseitigen Klarglasverglasung mit doppeltem, pagodenförmigem Aufsatz, montiert auf Gussmasten. Die Gussmasten oder auch „Bündelpfeiler“ mit der Inschrift I.C.G.A, der englischen Gasanstalt sind auch heute noch in Berlin zu finden und Zeugen einer längst vergangenen Zeit.

Rasant entwickelte sich die Ausbreitung der Gaslaternen. Um 1846 beleuchteten immerhin schon 2019 Kandelaber den öffentlichen Raum. Da der Gasbedarf rapide anstieg, bedingt dadurch, dass Gas in anderen Bereichen immer mehr an Einfluss gewann, baute Berlin zunehmend ab 1947 eigene Anlagen.

Kontinuierlich stiegen auch die Möglichkeiten Theater, Geschäfte und öffentliche Gebäude zu beleuchten.

Bahnbrechend hierfür war die Erfindung des österreichischen Chemikers Carl-Auer von Welsbach im Jahre 1885. Sein patentierter „Auer-Glühstrumpf“ erzeugte ein helleres Licht als die bisher üblichen Gaslaternen.                                             

Das Berliner Gasleitungsnetz wurde bis 1896 auf 895 Kilometer ausgebaut wovon jetzt auch die Vororte profitierten.

Die südlich gelegenen Gemeinden, zu denen auch Tempelhof gehörte, bezogen nach der Einführung des Gaslichtes auf öffentlichen Straßen ihr Gas vom englischen Anbieter I.C.G.A, der hierfür eigens 1900 ein Gaswerk in Mariendorf errichtete und bis 1918 betrieb. Mariendorf lag in der Mitte des südlichen Abnehmergebietes und hatte gute Verkehrsanbindungen. Die Ranfuhr, die für die Herstellung des Gases benötigte Kohle, wurde zuerst durch die Dresdner-Eisenbahn transportiert. Später, nach Fertigstellung des Teltowkanals, übernahmen Schiffe den Transport.

1902 hielt die Gasbeleuchtung Einzug in Lichtenrade.

Zwar gehörte Lichtenrade damals noch nicht zu Berlin, profitierte aber vom nahegelegenen Mariendorf und dessen Gaswerk.

Zum Einsatz kamen zum großen Teil die „Modell- oder Schinkelleuchte“, die auch heute noch am Lichtenrader Dorfanger zu finden sind.

Abgelöst wurde dieses Modell durch die in den 20er Jahren entwickelte Aufsatzleuchte. Markant durch ihr dreigeteiltes Häubchen ist sie wohl die bekannteste Gaslaterne. Das Nachkriegsmodell „Typ Rodan“ dominiert noch heute auf den Gehwegen Lichtenrades. Ein beliebter Jungenstreich in den 50er Jahren war das Ausschalten der Laterne an dem dafür vorgesehenen Ziehdraht, in Form einer Schlaufe.

Selten sieht man hingegen noch die Reihenleuten, deren  Abbau z.B. am Lichtenrader Damm, 2009 vorgenommen wurde. Die Hängeleuchten, wie das imitierte Model am S-Bahnhof Lichtenrade, sind nur noch als Original in Kreuzberg, Charlottenburg und in einigen ehemaligen Ostbezirken aus DDR-Produktion zu finden.

In den Kriegs- und Nachkriegsjahren wurde die Beleuchtung nur durch eine Notversorgung aufrechterhalten. Erst 1950 schaffte es das Tiefbauamt von Tempelhof alle behelfsmäßigen Straßen-Notbeleuchtungen durch neue Gaskandelaber in Lichtenrade zu ersetzen. Was nicht hieß, dass alle Straßen zu hundert Prozent beleuchtet waren. Oftmals wurden an den verkehrswichtigen  Straßenkreuzungen ein oder zwei Richtleuchten installiert. 1950 waren lediglich 50 Prozent der Beleuchtung gegenüber der Vorkriegszeit wieder hergestellt.

Lichtenrade hatte dazu noch das Problem, dass es jetzt Zonenrandgebiet war. Um die Sicherheit in Zonengrenznähe zu gewährleisten, wurden in den kommenden Jahren zusätzlich Lichtquellen in diesem Bereich angebracht.

In den 60er Jahren wurde als eines von wenigen Nachkriegs-Neubaugebieten das Naharyaviertel mit Gasbeleuchtung ausgestattet.

Die Gaslaternen von Lichtenrade sind wie alle anderen Laternen, die in Berlin mit Gas betrieben werden, vom Aussterben bedroht. Der Senat hat einen fast kompletten Abbau dieses einzigartigen Kulturgutes bis zum Jahre 2016 beschlossen. In keiner anderen Stadt der Welt existieren derzeit mehr Gaslaternen (40.000 Stück) als in Berlin.


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© Marina Heimann www.brueckenpfad.de
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