Evangelischer Friedhof Paplitzer Straße/Goltzstraße

 

Friedhöfe sind nicht nur ein Ort der Melancholie, sondern auch ein Ort der Muße. Wo anders sonst als hier besteht für uns die Möglichkeit in Ruhe über längst Vergangenes oder einst so sehr geliebte Personen nachzudenken. Glücklicherweise behalten wir in unserer Erinnerung eher die freudigen Ereignisse, die wir in unserem Leben mit diesen Menschen in Zusammenhang bringen. Nur fällt das an einem Ort, der düster und einsam ist, besonders schwer. Ohne Zweifel gelingt uns das intensiver in einer Umgebung, die eher an einen Park erinnert, wo uns Bänke zum Verweilen einladen und wir die Möglichkeit haben uns mit lebenden Personen zu unterhalten. Der evangelische Friedhof in der Paplitzer Straße ähnelt so einer Parkanlage und ist durchaus einen Spaziergang wert, da er uns zusätzlich auch einiges aus der Geschichte Lichtenrades erzählen kann.
Bis zur Eingemeindung in Berlin im Jahre 1920 war Lichtenrade ein Dorf. Die verstorbenen Angehörigen der ansässigen Bauern wurden auf dem Kirchhof neben der alten Dorfkirche beigesetzt. Die Gräber der Verstorbenen wurden so platziert, dass diese in Richtung ihres jeweiligen Bauernhofes zeigten. Mit dem stetigen Anstieg der Bevölkerung reichte der Friedhof Anfang des 19.Jahrhunderts um die Dorfkirche nicht mehr aus. Die evangelische Kirche brauchte einen zusätzlichen Platz um ihre ehemaligen Gemeindemitglieder angemessen zu bestatten. Im Jahre 1906 kaufte sie deshalb Ackerland in der Kirchbachstraße, das bis zur Paplitzer Straße und Goltzstraße reichte, um es als Friedhof umzugestalten. Auf dem heute ca. 8,5 ha großen Gelände, das sich dem Besucher in einem alten Teil auf dem die Kapelle steht, und aus dem Anfang der 60er Jahre neu hinzugekommen Teil präsentiert. In seiner Funktion als Totengräber schaufelte ein gewisser K. Zimmermann, der nebenbei auch die Berufe des Gemeindedieners, Nachtwächters, Ortspolizisten, und Vollziehungsbeamten ausübte, als Erster eigenhändig hunderte von Gräbern aus.
Zum Gedenken der im Ersten Weltkrieg gefallenen Personen wollte man ursprünglich 1920 zwei Gedenktafeln an den Außenmauern des Friedhofes platzieren. Dies erschien der damaligen Lichtenrader Bevölkerung nicht als ausreichend und sie sammelten insgesamt 10 000 RM, um die Kosten für ein angemessenes Ehrenmal auf dem Kirchhofgelände in Auftrag geben zu können. Dieses Ehrenmal, ein kniend betender Soldat, wurde von dem Bildhauer Heinrich Mießfeld 1925 angefertigt. Auf beiden Seiten des Sockels waren die Namen der im 1. Weltkrieg Gefallenen verewigt. 1956 wurden bei Renovierungsarbeiten zusätzlich die Daten des 2. Weltkrieges ,1939 - 1945, eingemeißelt. Insgesamt befinden sich auf dem Friedhof 335 Einzelgräber der Opfer aus Krieg und Gewaltherrschaft, darunter auch die Gräber der Opfer aus der Zeit des Nationalsozialismus.
Die ärmlich klingende Glocke am Turm der Leichenhalle wurde 1962 wiederum durch Spenden aus der Bevölkerung ersetzt. In einem Glockenturm am Südende der Paplitzer Straße hängt eine 420 kg schwere Glocke mit der Inschrift "Selig sind die Toten". Einige Gräber auf diesem Friedhof erinnern uns an bekannte Lichtenrader Persönlichkeiten. So sind nicht nur Gräber der alten Bauerngutsbesitzer oder Theologen zu finden, sondern u.a. auch das Grab der Oberin Cäcilie Petersen, der Gründerin des Mutterhauses Salem. Aus dem Kulturbereich finden wir den Schriftsteller und Literaturhistoriker Paul Fechter wie auch den Drehbuchautor Georg Neuhaus. Das einzige Ehrengrab auf dem Friedhof gehört dem Schauspieler Max Gülstorff.
Seit 1996 befinden sich auf dem Kirchhof drei Gedenktafeln, die an die Opfer des Nationalsozialismus in Berlin-Lichtenrade erinnern. Hierzu gehören die Opfer aus der jüdischen Bevölkerung sowie die Opfer aus den Zwangsarbeitslagern des Außenlagers Sachsenhausens in Lichtenrade.
Im Durchschnitt finden jährlich auf dem Friedhof 450 Beisetzungen satt, wobei der Anteil der anonymen Beerdigungen ständig wächst. Die Ursache dafür mag nicht nur am mangelnden Interesse oder aus Altersgründen bestehen, sondern auch mit den für eine eigene Grabstätte entstehenden Kosten. Das hierfür angelegte Feld für die Trauernden der anonym beerdigten Personen befindet sich im vorderen Teil des neuen Friedhofes. Auf einem Gedenkstein vor der Wiese werden leider immer wieder Gegenstände hinterlegt, die aus nicht verrottbarem Material an den geliebten Verstorbenen erinnern sollen. Diese, meist aus buntem Plastik bestehenden Gegenstände, verfärben den Gedenkstein immer wieder, was sehr schade ist, da zum einen eine Reinigung sehr teuer ist und zum anderen diese nicht nur einzelnen Personen zur Verfügung stehen sollte, sondern allen anonym Beerdigten.


Wir bedanken uns bei der Autorin
© Marina Heimann www.brueckenpfad.de

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