Die Mälzerei

  Weithin sichtbar, und doch wie es scheint im Dornröschenschlaf, steht die Mälzerei mit ihren beiden 35 m hohen Schornsteinen, der Schöneberger Schlossbrauerei, seit 1898 an ihrem Platz. In großen Lettern kann man noch heute gut sichtbar an der Frontseite zum Bahnhof, "Hopfen und Malz, Gott erhalt`s ".
In einer Mälzerei wird aus Getreide Malz, das zur Herstellung von Bier benötigt wird. In groben Zügen unterteilt sich der Malzvorgang in drei Bereiche: Dem Weichen, wobei dem Korn Wasser zugeführt wird. Das aufgeweichte Korn beginnt zu keimen, setzt Enzyme frei und es entsteht Grünmalz. In der Darre wird das Grünmalz getrocknet. Aus der Gerste ist nun Malz geworden, das sich durch Farbe, Geschmack und Härte der Körner unterscheidet.
Als im Jahre 1897 die Schöneberger Schlossbrauerei expandierte und einen geeigneten Platz für eine zweite Mälzerei suchte, fand sie diesen in Lichtenrade. Da es zu damaliger Zeit noch keinen Lkw-Verkehr im heutigen Sinne gab, war die Eisenbahnanbindung der Dresdner Bahn, die in Lichtenrade bereits seit 1875 vorhanden war, ideal für einen Betrieb dieser Größenordnung, mussten doch große Mengen von Rohmaterial und das fertige Produkt schnell heran- und abtransportiert werden. Auch die starke Geruchsbelästigung, die beim Mälzen entsteht, störte hier weit außerhalb der Stadt noch niemanden. Lichtenrade zählte gerade 500 Einwohner.
Im Auftrag der "Schöneberger Schlossbrauerei" baute der Regierungsbaumeister Wilhelm Walter von 1897 bis zum Jahre 1899 die Mälzerei im Stil der Magazinbauten der alten Hansestädte, die ihren Betrieb am 1. Mai 1899 aufnahm.
Ein Schienenstrang führte von der Bahn direkt an die Verladerampe der Mälzerei. Der Mälzerei angeschlossen waren das Maschinenhaus mit dem Schornstein, ein Bierausschank, eine sogenannte Probierstube (Wirtshaus Lichtenrade, später Haus Buhr und Landhaus Lichtenrade) und der große Pferdestall.
Der Innenausbau war auf dem neuesten Stand der Technik, die damals allerdings noch auf Mechanik basierte. Das heißt, dass große Maschinen und Förderbänder durch Dampfkraft und über Transmissionsriemen angetrieben wurden.
Eine neue Errungenschaft war die Erfindung von Nikolaus Galland, der das Zeitalter der industriellen Bierherstellung einläutete. Die bis dahin herkömmliche Methode, das Korn in der Malztenne nur durch Lagerung und Luftzufuhr von außen zum Keimen zu bringen, ergab zum Teil unbefriedigende Ergebnisse. In der Mälzerei in Lichtenrade kam nun die von Herrn Galland neue Methode zum Einsatz. Im Kellergeschoss wurden für die Keimung sogenannte Keimtrommeln eingebaut. Durch die Erzeugung und Zufuhr von Wassernebel gab es eine künstliche Luftventilation in den Trommeln - ein pneumatischer Keimprozess. Dieses neuartige Verfahren half jährlich bis zu 60.000 Zentner Malz zu produzieren. Auf dem eigens für die Mälzerei angelegten Gleis verließen in Spitzenzeiten bis zu 28 Waggons das Werk. Da kein Güteranschluss in Lichtenrade vorhanden war, nutzten auch die neu gegründeten Unternehmen aus der näheren Umgebung die Mälzerei als Umschlagplatz.
Aber schon nach dem "Ersten Weltkrieg" war es mit dem Mälzen in Lichtenrade vorbei. Einer der Hauptgründe dafür mag wohl gewesen sein, dass die Gerste zum Bierbrauen rationiert wurde.
Das Maschinenhaus wurde abgerissen, der Schornstein gesprengt, Teile der Malzherstellung ausgebaut. Die Schlossbrauerei, die Eigentümerin blieb, vermietete einige Stockwerke an die Wetag (Westfälische Transportgesellschaft). 1933 wurde das Gebäude von der Wehrmacht beschlagnahmt und diente 1939 bis 1945 als Lebensmittellager. Nach Kriegsende war die Mälzerei, in der bis zu 4.000 Tonnen Lagergut untergebracht werden konnten, randvoll mit Konserven, Fleisch und Wurst gefüllt. Das hatte zur Folge, dass die russischen Soldaten wochenlang die Lebensmittelvorräte abtransportierten und die Bevölkerung leer ausging.
Zu Mauerzeiten diente das Gebäude als Senatsreserve. Die Firma Wetag, die das Gebäude auch weiterhin teilweise mietete, lagerte überwiegend Getreide ein. 1966/67 wurde der Pferdestall zugunsten des nebenstehenden Supermarktes abgerissen. Die Mälzerei selbst steht seit 1984 unter Denkmalschutz und wartet seitdem auf eine neue Nutzung. "Hopfen und Malz, Gott erhalt`s. "

Wir bedanken uns bei der Autorin
© Marina Heimann www.brueckenpfad.de© Marina Heimann
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