Die Bundesstraße 96 durch Lichtenrade

  Der Ausbau von Straßen geht mit dem Wachstum und dem Wohlstand eines Ortes einher und ist unausweichlich.
Die Frage stellt sich nur: Bis zu welcher Größenordnung ist er für die in diesem Gebiet lebenden Menschen hinnehmbar, ohne dass ihre Lebensqualität zu stark leidet?
Doch schauen wir zurück auf die Anfänge. Wozu überhaupt Straßen?
Die Antwort ist wohl im Altertum zu finden. Spätestens mit der Erfindung des Rades wurden aus den bisherigen unbefestigten Pfaden befestigte Wege. Mit dem Ausbau dieser einfachen Straßen wurden ein schnelleres Vorankommen und der Austausch von Handelsgütern forciert. Zwischen den Handelswegen entstanden Dörfer.
Das Dorf Lichtenrade wurde erstmals 1375 urkundlich erwähnt. Es gab lediglich eine in Nord-Süd-Richtung ausgerichtete einfache Dorfstraße. Im Jahre 1805 besaß das zum Kreis der 133 Teltowdörfer gehörende Örtchen schon eine halbseitig mit Pflastersteinen gefertigte Chaussee. Diese gepflasterte Straße war eine enorme Erleichterung für den Transport der auf den umliegenden Feldern überwiegend geernteten Kartoffeln. Allerdings gab es noch keinerlei Reise- und Postverkehr. Das war bei einer Einwohnerzahl von gerade mal 112 Personen auch nicht vonnöten.
Die wichtigen Poststraßen liefen 1815 noch an Lichtenrade vorbei. Die ältesten dieser Strecken gingen über Britz-Buckow-Groß Ziethen nach Dresden und über Mariendorf-Marienfelde-Großbeeren ins Sächsische.
Es ist der harten Arbeit des damaligen Zossener Bürgermeisters Greiser zu verdanken, dass die neue Route der Poststraße nach Dresden über die Dörfer und eben auch über Lichtenrade führen sollte. Die Gemeinden stellten zu diesem Zweck Land und Baumaterial kostenlos zur Verfügung.
So begann im Jahre 1837 der Bau einer Chaussee von Berlin nach Dresden. Im Juli 1838 wurde bereits der erste Bauabschnitt bis Lichtenrade fertiggestellt. Gut ein Jahr später fuhren die Postwagen in nur 36 Stunden von Lichtenrade nach Dresden, mit Halt auf dem Gut des Lehnschulzen (Funktion der Dorfobrigkeit) zwecks Pferdewechsels. Doch bis aus dieser Chaussee eine Bundesstraße wurde, quasi bis zur Geburt der B 96, sollten noch etliche Jahrzehnte ins Land gehen.
Der Bau der Chaussee hatte enorme Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Möglichkeiten. So konnten die breiten Planwagen mit Getreide jetzt viel schneller von den Feldern in die Stadt gelangen.
Auch wurden Produkte aus den Glashütten, den Spinnereien und Webereien Ostsachsens und Schlesiens über diese neue Straße in die Stadt transportiert.
Stadteinwärts von Zossen aus ging es über die Kaiser-Wilhelm-Straße (Kirchhainer Damm) zur Dorfstraße (Alt-Lichtenrade), auf die Berliner Straße (Alt-Lichtenrade bis Potsdamer Straße, dann Lichtenrader Damm bis Feldstedter Weg) zur Lichtenrader Chaussee (Lichtenrader Damm) in die Stadt. Die Lichtenrader Bevölkerung entwickelte zu dieser Zeit einen gewissen Nationalstolz, der sich z.B. darin ausdrückte, dass ein Herr Gendarm Schäfer sich immer wieder darüber beklagte, dass die Wegweiser an der Groß-Ziethener-Straße nicht "national-farbig" gestrichen waren. Den Beschwerden des Herrn wurde stattgegeben und die Wegweiser erhielten einen Anstrich in den Staatsfarben schwarz und weiß.
Zwar besaß Lichtenrade jetzt eine Anbindung an Berlin, gehörte aber immer noch nicht zur Stadt. Um 1900 zählte das zum Standesamt Mahlow, Kreis Teltow, gehörende Dorf immerhin schon 851 Einwohner. Öffentliche Verkehrsmittel zwischen Berlin und Lichtenrade gab es dennoch nicht.
Lichtenrade lag weit außerhalb der Stadt und soll deshalb über ein gewisses Heilklima verfügt haben. Nicht umsonst baute man am Kirchhainer Damm (damals Kaiser-Wilhelm-Straße) das zuvor von 1904 bis 1911 als Irrenanstalt bzw. Nervenheilanstalt genutzte "Sanatorium Birkenhaag", was später auch Tuberkulosekranken zugute kommen sollte.
Im Jahre 1908 übernahmen drei Pferdeomnibusse die Personenbeförderung zwischen Mariendorf und Lichtenrade. Etwa 1400 Personen ließen sich pro Woche zu einem Fahrpreis von 15 Pfennigen befördern. Nach zwei Jahren wurde diese Verbindung eingestellt.
Die Nachfolgelinie, die 1912 ins Leben gerufen wurde, hielt sich dann bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges und verkehrte bereits sechsmal täglich. Nach Beendigung des Ersten Weltkriegs versuchte die Lichtenrader Gemeinde, selbstständig mit drei kleinen Pferdeomnibussen eine Verbindung aufrechtzuerhalten. Durch die Inflation war diese Aktion allerdings zum Scheitern verurteilt und musste nach nur einem Jahr eingestellt werden. Erst mit der Eingemeindung Lichtenrades nach Berlin im Oktober 1920 sollten sich die Beförderungsbedingungen verbessern. 1922 richtete die Allgemeine Berliner Omnibus AG, die sich 1868 gegründet hatte, die motorisierte Busverbindung Linie 33 ein. Diese führte von der Mariendorfer Dorfstraße (heute Alt-Mariendorf) zum Bahnhof Lichtenrade.
Auf eine Straßenbahn, die jetzt immer öfter auf Berlins Straßen zu sehen war, hoffte man vergeblich. Diese war aus wirtschaftlicher Sicht nicht vertretbar, obendrein ließ die alte, viel zu schmale Dorfstraße den Einbau von Schienen nicht zu. Erst die 1928 aus Kopfsteinpflastern neu gebaute Umgehungsstraße (ab Goethestraße/Potsdamer Straße), die spätere Bundesstraße von und nach Lichtenrade, bot die Möglichkeit, Schienen für die Straßenbahn zu integrieren. So bekam Lichtenrade im Oktober des gleichen Jahres seine erste eigene Straßenbahn, die Linie 99. Sie beförderte die Bevölkerung immerhin 33 Jahre lang; anfangs führte sie noch an Getreidefeldern vorbei. 1961 wurde die Straßenbahn durch die Buslinie A 76 ersetzt.
Schon damals dachte man auch über die Weiterführung der im Februar 1966 eröffneten U-Bahnlinie von Alt-Mariendorf bis Lichtenrade nach. Ein entsprechender Antrag wurde am 30. November 1961 von der Arbeitsgemeinschaft Lichtenrader Vereine zur Überprüfung bei der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Tempelhof eingereicht. Mit der Eröffnung der U-Bahn verschwand auch die im Jahre 1957 von der BVG eingerichtete Schnellbuslinie AS2 zwischen Lichtenrade und Bahnhof Zoo.
Immer wieder fragt man sich, warum der Straßenabschnitt, der heute den Verkehr stadtauswärts bewältigt, zwischen Goethestraße und Grimmstraße über eine Anhöhe führt. Der Grund dafür ist der in den 30er Jahren gebaute Güteraußenring vom Verschiebebahnhof Lichterfelde über Lichtenrade (Anschluss an die Dresdner Bahn) nach Großziethen und Schönefeld weiter in westlicher Richtung. Die Umgehungsstraße wurde einschließlich der Straßenbahnschienen angehoben, um unter ihr die Gleise der Bahn verlegen zu können. Da der heutige Lichtenrader Damm seine stadteinwärts führende Fahrbahn erst nach dem Zweiten Weltkrieg bekam, wurde diese ebenerdig verlegt.
In der Weimarer Republik wurde 1932 eine fortlaufende Nummerierung des Straßennetzes eingeführt. 1934 Zur besseren Orientierung erhielten diese Straßen, die mittlerweile in "Reichstraßen" umgetauft worden waren, ein kleines gelbes Schild, das wir heute noch kennen, mit der Aufschrift "R" für Reichsstraße und die dazugehörige Nummer. Später wurde aus dem "R" ein "B" für Bundesstraße, in der DDR verwendete man das Kürzel "F" für Fernverkehrsstraßen. Somit wurden auch die Kaiser-Wilhelm-Straße (Kirchhainer Damm) und die Umgehungsstraße Berliner Straße/Lichtenrader Chaussee (Lichtenrader Damm) zu einem Teil der heutigen B 96 durch Berlin. 1949 erfolgte die Umbenennung dieser Straßen in Kirchhainer Damm bzw. Lichtenrader Damm.
Bevor der Grenzbalken am Kirchhainer Damm am 13. August 1961 für die nächsten 40 Jahre unüberwindbar werden sollte, gab es am 17. Juni 1953 einen Aufmarsch der Arbeiter aus Zossen Richtung Berlin.
Nach dem Mauerbau hatte die B 96 eigentlich ihre Aufgabe als Bundesstraße verloren. Aus dem Kirchhainer Damm wurde eine Art Sackgasse. An den Grenzen Berlins war die Bundesstraße nun gekappt, im Norden bei Birkenwerder und im Süden bei Mahlow. Auf DDR-Gebiet blieb sie hingegen die längste Fernverkehrsstraße des Landes. Erst 1977 wurde ein Grenzübergang für die Entsorgungsfahrzeuge der BSR zur Mülldeponie in Schöneiche, Kreis Zossen, geschaffen.
Mit der Öffnung der Grenzen wurden die "B 96" und die "F 96" am 10. November 1989 um 8.00 Uhr wieder zur Bundesstraße 96 vereint. Sie verläuft heute in Süd-Nord-Richtung, von dem Ort Zittau in Sachsen über Brandenburg, Berlin nach Mecklenburg- Vorpommern, um nach 520 Kilometern auf Rügen zu enden.
Der Ausbau der B 96 in Brandenburg, im Raum Mahlow auf vier Spuren, ist bereits vollendet. Derzeitig versucht man, das Nadelöhr am Kirchhainer Damm zu beseitigen. Wegen Finanzierungsstreitigkeiten zwischen dem Bundesverkehrsministerium und dem Senat von Berlin lag der Ausbau lange auf Eis.
Die Baustrecke von ca.1400 m (von der Goltzstraße bis zur Stadtgrenze) ist mit Kosten in Höhe von insgesamt 15 Millionen Euro angesetzt. 90 Prozent davon werden von der EU und vom Bund getragen, Berlin übernimmt 200 000 Euro. Die verbleibenden 1,3 Millionen sollen laut dem 2006 beschlossenen "Straßenausbaubeitragsgesetz" die Anwohner aufbringen. Der Kirchhainer Damm wird von 21 auf knapp 30 Meter verbreitert und erhält neue Rad- und Gehwege. Die zu diesem Zweck abgeholzten alten Baumbestände werden durch Neupflanzung ersetzt, sodass der Charakter einer Allee beibehalten wird.
Man geht davon aus, dass das Verkehrsaufkommen nach dem Straßenausbau auf ca. 34.400 Autos täglich steigt. Das sind gut 12.000 Fahrzeuge mehr als bisher.

Wir bedanken uns bei der Autorin
© Marina Heimann www.brueckenpfad.de
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