Die 99

  Redet man von der "99", so können sich zumindest die älteren Tempelhofer Bürger noch an die Straßenbahnlinie 99 erinnern. Da, wo heute die Buslinie M 76 verkehrt, fuhr bis zum 1.10.1961 die Straßenbahn auf dem grün angelegten Mittelstreifen.
Lange mussten die Lichtenrader auf diese Straßenbahnlinie warten. Erste Bemühungen, eine solche zu schaffen, gehen immerhin auf das Jahr 1909 zurück. Die zu damaliger Zeit viel zu schmale Dorfstraße ließ den Einbau von Schienen nicht zu. Erst die 1928 aus Kopfsteinpflastern neu gebaute Umgehungsstraße bzw. Lichtenrader Damm (ab Goethestraße/Potsdamer Straße), bot die Möglichkeit, Schienen für die Straßenbahn zu integrieren. So bekam Lichtenrade am 17. Oktober 1928 seine erste eigene Straßenbahn, die Linie "99". Unter großer Begeisterung und im strömenden Regen fuhr die erste mit Girlanden behangene Straßenbahn bis zu ihrer Endhaltestelle in der Bahnhofstraße. (Heute Endhaltestelle der Buslinie M 76) Das Ereignis wurde unter großer Anteilnahme gefeiert, war doch mit diesem Tage das Dorf Lichtenrade verbunden mit Mariendorf, Tempelhof und letztendlich mit Berlin. Fuhren die Züge die ersten Jahre noch vom Wedding bis Lichtenrade, so wurde durch den Bau immer neuer Straßenbahnverbindungen die Strecke vom Belle-Allianz-Platz (Mehringplatz, U-Hallesches Tor) zum Bahnhof Lichtenrade Standard. Allerdings musste man damals viel Zeit mitbringen, um von Endstation zu Endstation zu gelangen.Stieg man in Kreuzberg ein, und man hatte Glück, konnte man eines der begehrten Fenstersitze bekommen, die aus Holz und mit einfachem Stoff überzogen waren. Die gemächlich dahinschaukelnden Triebwagen fuhren von Kreuzberg über Tempelhof nach Mariendorf, vorbei an Wiesen und Kornfeldern. Heute kaum noch vorstellbar, erschloss sich für den z.B. an der Buckower Chaussee aussteigenden Gast eine nahezu unendliche Weite mit jeder Menge frischer Luft. In den schweren Kriegsjahren bewältigte sie den kompletten Berufsverkehr mit einigen, durch den Krieg bedingt zerstörten Straßenabschnitten. Am 1.10.1961 brach die Straßenbahn "99" unter Begleitung hupender Autos zu ihrer letzten Fahrt auf. Diese endete im Straßenbahndepot in Tempelhof. Immerhin beförderte sie die Bevölkerung 33 Jahre lang durch Lichtenrade. Um den ständig ansteigenden Verkehr besser bewältigen zu können, ersetzte man die Straßenbahn durch die Buslinie A76, die bis heute als M76 im Einsatz ist.

Wir bedanken uns bei der Autorin
© Marina Heimann www.brueckenpfad.de
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