S-Bahnhof Lichtenrade

  Züge verbinden Bahnhöfe, sie sind somit Orte, an denen Menschen aufeinandertreffen. Doch mitunter werden Verbindungen eingestellt, Bahnhöfe umgebaut oder gar geschlossen. Orte ohne Bahnhöfe geraten leicht in Vergessenheit .......
Bereits im Juni 1875 eröffnete die Dresdener Bahn eingleisig ihren Zugverkehr zwischen Berlin und Dresden. Nur wenige Monate später errichtete die "königliche Militäreisenbahn" parallel zu dieser Strecke ihr eigenes Gleis zwischen Marienfelde und Zossen. Diese Anlagen wurden später als Versuchsstrecke für Hochgeschwindigkeitszüge genutzt. Die Versuche dienten zur Untersuchung des Bahnbetriebes bei hohen Geschwindigkeiten im elektrischem Betrieb. So gründeten die Unternehmen Werner von Siemens und die AEG 1899 eigens dafür die Firma, "Studiengesellschaft für elektrische Schnellbahnen", die ihren Betrieb 1901 aufnahm. Die umliegenden Bauern, unter anderen der Lehnschulze (Funktion der Dorfobrigkeit) Bornhagen sowie die Bauern Gebert, Grunow und Kraatz, deren Grund und Boden sich unmittelbar rechts und links der Gleise befanden, verhinderten zunächst den Bau eines Bahnhofes. Sie waren nicht bereit, ihr Land unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Erst nach großzügiger Entschädigung durch die Bahn, erhielt beispielsweise der Bauer Gebert für 3,5 Morgen knapp 1000 Taler, (1 Taler entsprach 3 Mark) konnte auf dem frei gewordenen Gelände im Jahre 1883 ein Bahnhof errichtet werden.
Nur war das erst einmal kein Bahnhof im herkömmlichen Sinne. Es handelte sich lediglich um eine Station mit hölzerner Wartehalle, an denen Züge nach Bedarf anhielten. Um mit der Dampflok mitgenommen zu werden, postierte sich der Fahrgast sichtbar an einem Haltepunkt. Zum Aussteigen benachrichtigte man den Zugführer.
Im Zuge des zweigleisigen Ausbaus im Jahre 1892 bekam der Bahnhof Lichtenrade sein noch heute aus gelbem Ziegelschichtmauerwerk existierendes Bahnhofsgebäude. Dort wohnte im Obergeschoss der Bahnhofsvorsteher. Unter seiner Wohnung befanden sich im Erdgeschoss die Diensträume. Der Generaldirektor der "Schöneberger Schlossbrauerei" Max Finke, erwarb bereits 1890 zwischen Dorf und Bahnhof, 40 Morgen Land vom Bornhagenschen Gut. Auf diesem Land ließ er drei Jahre später das "Wirtshaus Lichtenrade" (Später als Wirtshaus Buhr bzw. Landhaus Lichtenrade bekannt) errichten. Die stark expandierende Schöneberger Schloßbrauerei ließ in den Jahren 1897-99 durch den Regierungsbaumeister Wilhelm Walter, eine zweite Mälzerei direkt neben dem Bahnhof, aufbauen.
Die für die Herstellung benötigten Materialien (Gerste, Malz) wurden ausschließlich über die hauseigenen Gleisanlagen mit der Bahn transportiert. In den Sommermonaten herrschte an den Wochenenden stets reger Ausflugsverkehr. Die Leute kamen mit der Bahn aus der Stadt, um sich in den umliegenden Wäldern vom tristen Alltag zu erholen. 1903 erreichten die Züge auf der Versuchsstrecke zwischen Zossen und Marienfelde mit bis zu 210 Stundenkilometern ihren Höhepunkt.
Das ständige Durchfahren der Hochgeschwindigkeitszüge durch das Bahnhofsgelände belastete mit Gewissheit die Bevölkerung, die höchstwahrscheinlich nicht unglücklich darüber war, als die Versuche noch im selben Jahr eingestellt und später die Gleise demontiert wurden. Damals ahnte wohl keiner, dass den Lichtenradern mit dem Ausbau der Strecke zum Flughafen Schönefeld um die Jahrtausenwende ein ähnliches Schicksal ereilen könnte.
Den Mittelbahnsteig mit seinen dazugehörigen Aufsichts- und Kartenhäuschen erhielt der Bahnhof Lichtenrade im Jahre 1910. Sein einziger Zugang liegt seitdem an der Südseite des Bahnsteiges und konnte nur durch einen Tunnel erreicht werden. Dieser Zustand blieb bis in die 80er Jahre erhalten.
Im Mai 1939 wurde die Strecke vom Priesterweg bis nach Rangsdorf, über Lichtenrade elektrifiziert. Der Betrieb lief bis 1945 durchgehend und musste kriegsbedingt nach Ende des 2. Weltkrieges für 5 Monate unterbrochen werden. Von 1948 bis zum Jahre 1950 verkehrten bis zu 20 Güterzüge täglich über die dafür eigens errichtete Umgehungsbahn mit Anschluss an den Güteraußenring durch Lichtenrade von Teltow nach Grünau. Dieser Betrieb wurde 1954 eingestellt.
Mit dem Bau der Mauer am 13. August 1961 und der damit verbundenen Stilllegung der S-Bahnstrecke Lichtenrade-Rangsdorf begann auch für den S-Bahnhof in Lichtenrade ein eher trauriges Kapitel. Der Bahnhof wurde zur Endhaltestelle.......
Da die Deutsche Reichsbahn der DDR das Betriebsrecht über das gesamte in West Berlin bestehende Schienennetz behielt, riefen unter anderem der Deutsche Gewerkschaftsbund zum Boykott auf. Niemand in West-Berlin sollte mit dem Kauf von Fahrkarten die Trennung Berlins und deren Bevölkerung, unterstützen. Diesen Aufrufen wurde Folge geleistet, was sich an den rückläufigen Fahrgastzahlen bemerkbar machte. Die gesamten S-Bahnanlagen innerhalb Berlin-West, vom Verfall bedroht, fielen in eine Art Dörnröschenschlaf. Mit dem Umbau der Gleis- und Sicherungsanlagen im Bahnhof Marienfelde wurde im Jahre 1978 der Bahnbetrieb in Lichtenrade nur noch eingleisig durchgeführt. 6 Jahre später, im Januar 1984, sollte durch die Übergabe der Betriebsrechte an die BVG das Schlimmste verhindert werden. Als eine der ersten Strecken wurde die Linie S 2 Lichtenrade-Anhalter Bahnhof modernisiert. Im Zuge dieser Sanierung bekam auch der Bahnhof Lichtenrade einen neuen Anstrich. Gleichzeitig wurde der Tunnelzugang zum Bahnhof geschlossen und es entstand ein ebenerdiger Zugang
Die Zu- bzw. Ausgänge (Gewächshäuser) dienen heute als Fahrradunterstände. Im Dezember 1985 erhielt der Bahnhof auf der gegenüberliegenden Seite der Bahnhofstraße auf dem alten Gleisbett nach Mahlow einen P&R Parkplatz, der aber nach Maueröffnung 1991 den neu verlegten Gleiskörpern weichen musste. Noch einmal unterlag der S-Bahnbetrieb ein Jahr vor Öffnung der Mauer im Jahre 1988 einer kurzen Auszeit. Vom Bahnhof Marienfelde wurde wieder die Strecke bis Lichtenrade zweigleisig ausgebaut. Hinzu kam ein drittes Gleis für Abstellzwecke. Für die Stellung der neu installierten Weichen bedurfte es eines neuen Stellwerkes. Dieses wurde im Aufsichtsgebäude untergebracht. Für diesen Ausbau wurde der Bahnhof Lichtenrade für zwei Monate komplett geschlossen.
........... Mit der Maueröffnung vor 20 Jahren begann für Lichtenrade und somit auch für seinen Bahnhof ein neues Kapitel.
Im Sommer 1992 wird der Bahnhof wieder zum Durchgangsbahnhof für die Züge in Richtung Süden nach Blankenfelde. Seit der Übernahme der S-Bahn durch die Deutsche Bundesbahn im Jahre 1995 betreibt deren Tochter, die "S-Bahn Berlin GmbH, das Gesamtnetz. Mit dem Ausbau des Flughafens Schönefeld wird es erneut eine Veränderung am Lichtenrader Bahnhof geben. Die Planung sieht seit 1997 eine Wiederinbetriebnahme der Dresdner Bahn mit zwei zusätzlichen Gleisen zur S-Bahn vor. Dabei wäre das Umsetzen des Bahnhofes auf die gegenüberliegende Straßenseite wohl noch das kleinere Übel, denn wieder sollen Schnellverkehrszüge durch den Bahnhof donnern, ohne anzuhalten. Nur ist Lichtenrade im Laufe der Jahre viel größer geworden. Ein Durchfahren der Züge würde es in zwei Hälften teilen, die nur mit einer Tunnellösung zu verhindern wäre. Für diese Lösung setzt sich die im Dezember 1997 gegründete Bürgerinitiative "Dresdner Bahn" ein. Man kann nur hoffen, dass sie erfolgreich damit ist. Damit Lichtenrade auch in Zukunft ein Ort mit einem Bahnhof sein wird, an denen Menschen sich begegnen können...........

Wir bedanken uns bei der Autorin
© Marina Heimann www.brueckenpfad.de
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