Wie eine Bombenexplosion 1910 Lichtenrade Weltberühmt machte

 

Im Juli 1910 fand der Ackerbauer Otto Kraatz unter seinem Türschlitz einen Brief, in dem der Absender ihn aufforderte 3000 Mark unter einer bestimmten Buche in der heutigen Goltzstraße zu hinterlegen. Falls er dieser Aufforderung nicht nachkommen sollte, würden sein Haus und seine Familie durch eine Bombe in die Luft gesprengt. Unterzeichnet war der Brief mit "Komitee der schwarzen Hand".

Otto Kraatz, der die Gendarmerie einschaltete, legte pünktlich wie befohlen eine Konservendose, gefüllt mit Papierschnipseln, am vereinbarten Ort nieder. Die Gendarmerie beobachtete nunmehr das Gelände. Nachdem einige Tage vergangen waren und nichts geschah, erschien Otto Kraatz, allen Warnungen zum Trotz, um nachzusehen ob seine Konservendose schon abgeholt wurde. Als er mit seinem Spazierstock an der vermeintlichen Stelle in der Erde stocherte, explodierte eine Bombe. Otto fiel blutüberströmt zu Boden. Mit schwersten Gesichts- und Augenverletzungen wurde er sofort in die Königliche Augenklinik nach Berlin gebracht.

Sofort erließ der Polizeipräsident von Berlin, zusammen mit dem Regierungspräsidenten von Potsdam, einen Aufruf, in dem eine Belohnung von 1000 Mark für die Ergreifung des Erpressers und des Bombenlegers ausgeschrieben wurde.

Die Bevölkerung Lichtenrades, die damals noch polizeilich zum Amtsbezirk Mahlow gehörte, war erschüttert. Mit einer Gänsehaut hörten die Berliner von diesem Verbrechen vor den Toren ihrer Stadt. Vom Unheil regelrecht angezogen kamen sie in Scharen nach Lichtenrade um die Stätte des Verbrechens zu besichtigen. In den Gaststätten herrschte reges Treiben und die Gastwirte rieben sich insgeheim die Hände. Abwechselnd wurden von der Polizei der Erpresserbrief und Teile der Bombe in den Gaststätten ausgestellt. Die Presse berichtete tagelang über die Geschehnisse in Lichtenrade. Mit welcher Wichtigkeit dieser Fall zur damaligen Zeit von der Kriminalpolizei bearbeitet wurde, geht daraus hervor, dass sich der gewiefteste Kriminalkommissar, Vonberg, vorübergehend in Lichtenrade niederließ um den Fall zu klären. Auch wenn dieser mit jeder Menge Elan versuchte den Erpresser und Bombenleger zu finden, und dabei sogar in Kauf nahm, unschuldige Lichtenrader Bürger in Untersuchungshaft zu stecken, verfehlte er doch sein Ziel den oder die Verbrecher zu schnappen.

Die Aufklärung kam für alle Beteiligten überraschend. Im Dezember 1910 stellte sich heraus, dass sich die beiden Gendarmen, die mit der Beobachtung des Tatortes beauftragt wurden und sich mehrfach in Widersprüche verstrickten, selbst die Bombe gelegt hatten. Um sich in den heißen Julinächten nicht auf die Lauer legen zu müssen, wollten sie abseits, in aller Gemütlichkeit, darauf warten, bis sich der Erpresser der Bombe näherte, diese explodierte und sie somit ein leichtes Spiel hätten ihn festzunehmen. Allerdings hatten sie nicht mit der Neugierde von Otto Kraatz gerechnet. Die Beamten wurden nach Bekanntgabe der Sachlage in andere Gegenden strafversetzt

Der Erpresser vom "Komitee der schwarzen Hand" blieb allerdings noch einige Zeit im Verborgenen. Eher durch Zufall erkannte ein Polizeisekretär in Mahlow bei einer Anmeldung die Schrift bzw. Schreibweise des Erpresserbriefes. Nach Überprüfung durch Sachverständige konnte nach langer Zeit ein Schusterehepaar, das möglicherweise Geldsorgen hatte, als Briefschreiber überführt und zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt werden.

Aber was wurde aus Otto Kraatz?
Otto Kraatz, das unschuldige Opfer, erholte sich nur langsam von seinen Verletzungen und stand lange unter Schock. Nach wochenlangem Krankenhausaufenthalt kam er nach Lichtenrade zurück und wurde wie ein Held gefeiert.
47 Jahre später, 1957, verstarb Otto Kraatz und wurde unter großer Anteilnahme auf dem Gemeindefriedhof in Lichtenrade beigesetzt.

Im Endeffekt, wenn auch unfreiwillig, hat Otto Kraatz dazu beigetragen Lichtenrade in der Welt bekanntzumachen. Viele Berliner, die Lichtenrade in dieser Zeit besuchten, investierten in eine Parzelle fürs Wochenende.
Scharoun wurde 1969 die Ehrenbürgerwürde der Stadt verliehen. Er starb im November 1972. Ein Ehrengrab befindet sich auf dem Waldfriedhof in Zehlendorf.


Wir bedanken uns bei der Autorin
© Marina Heimann www.brueckenpfad.de


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