Verfall der Bausubstanz trotz Denkmalschutz

Das Landhaus wartet im Dornröschenschlaf auf Prinzen

Jeder Lichtenrader kennt es, das Landhaus Lichtenrade am Bahnhof Lichtenrade. Seit dem 22. Februar 2012 steht das Landhaus zwar unter Denkmalschutz, doch ändert diese Tatsache nichts an der maroden Bausubstanz des Hauses. Im Dornröschenschlaf dämmert es dahin und es ist fraglich, ob jemals ein Prinz (Investor) kommt, um  es wach zu küssen. Auch dem Eigentümer ist es wohl kaum noch zuzumuten, die Kosten für eine denkmalgerechte Instandsetzung aufzubringen.

Dabei war das Landhaus einmal eine Institution. Es wurde im Jahre 1893-94 vom Zimmermeister Carl Haufe erbaut,  der gleichzeitig als Architekt bzw. Bautechniker tätig war. Der im Fachwerkstil errichtete Bau bestand aus dem zweigeschossigen Wirtshaus und dem Tanzsaal. Nach dem Bau der Mälzerei im Jahre 1898 fungierte es als dessen Probierstube unter den Namen Wirtshaus Lichtenrade, dessen Eigentümer ein gewisser Rudolf Deter war.

Lichtenrade lag damals vor den Toren Berlins und galt mit der direkten Bahnanbindung als leicht erreichbares  Erholungsgebiet. Davon profitierte nicht nur das Wirtshaus. Auch andere Gaststätten und Ausflugslokale kamen hinzu.

Aber das am Bahnhof stehende Wirtshaus blieb eines der beliebtesten Gaststätten. So bekam die stark frequentierte Ausflugsgaststätte bereits im Jahre 1899 einen Erweiterungsbau. Aus diesem Bau, der aus zwei Gasträumen bestand, wurde später der „Kleine Saal“, der sich an die Westwand des „Großen Saales“ anschloss. Vor dem großen Tanzsaal wurde ein weiterer massiver Anbau mit Dachterrasse gebaut, dem sich eine Holzveranda anschloss, die später verglast wurde.

Im Lichtenrader Adressbuch von1911/12 wirbt das Wirtshaus Lichtenrade bereits mit seinen Räumen für Festlichkeiten, mit regelmäßigem Sonntagsball, Kegelbahnen, Luftschaukeln und Schießbuden. Fehlen durfte natürlich nicht der Ausschank von Bier der Schöneberger Schlossbrauerei, dessen Spezialität zur damaligen Zeit das Stangenbier war.

Aber nicht nur die Räumlichkeiten wurden erweitert. Der Garten neben und hinter der Gaststätte wurde mit Linden bepflanzt, die im Sommer Schatten spendeten. Hinter dem Gebäude, zwischen Garten, Mälzerei und Bahnhof entstand ein kleiner Ruderteich. Der jüdische Kaufmann Jacob Feitel, der von 1921 bis 1936 Eigentümer der Mälzerei und des Wirtshauses war, ließ durch Gustav Haufe Teile des Gasthauses zu Wohnräumen umbauen. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten musste Jacob Feitel die Gebäude verkaufen und emigrierte.

Ein gewisser Willi Schütz übernahm als Betreiber das Wirtshaus. Seit 1945 ist die Familie Buhr Eigentümer der Gaststätte, die sich fortan Haus Buhr und später Landhaus Lichtenrade nannte.

Mit dem Antrag der Familie, in dem Gasthaus ein Hotelbetrieb zu integrieren, ergaben sich einige bauliche Veränderungen. Zunächst wurden die vier Zimmer im Obergeschoss genutzt. 1965 erfolgte dann der Ausbau des Dachgeschosses. Darüber hinaus wurde die Holzveranda abgetragen, und als massiver Vorbau verlängert. Es entstanden die noch heute vorhandenen vier großen Panoramafenster.

Anfang der 1970er Jahre erhielt der große Tanzsaal eine Neugestaltung und im kleinen Tanzsaal eröffnete einige Zeit später eine Diskothek. In der Gaststätte mit Hotelbetrieb wurde rund ein Jahrhundert lang jede Art von Festlichkeiten gefeiert. 1994 schlossen sich die Türen des Landhauses für immer.

Heute nutzt die Lichtenrader Familie Heuschkel, unter den Namen „Tannen-Tipp“, alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit, den Platz vor dem Landhaus für ihren Weihnachtsbaumverkauf und ein Imbiss das Erdgeschoss des Landhauses als Lagerraum.

Ausschlaggebend für das Landesdenkmalamt das Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen, war die Tatsache, dass mit dem Ensemble, bestehend aus Bahnhof, Mälzerei und Landhaus ein wichtiges Zeugnis des ab 1900 neu entwickelten Ortskern Lichtenrades, immer noch zu erkennen ist.

Richtungsweisend für den Denkmalschutz waren außerdem, das an der Außenfassade des Landhauses noch gut erhaltene Schmuckfachwerk am Dachgeschoss, die fast noch vollständig erhaltenen alten Fenster und im Innenbereich die alte Holztreppe zu den Obergeschossen.

Ob aber jemals dem Landhaus Lichtenrade, unter den gegebenen Umständen (20 Jahre Leerstand) wieder Leben eingehaucht werden kann, ist fraglich.

Marina Heimann

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