Lichtenrader Dorfteich mit wechselhafter Geschichte

Storchenpaar vom Dorfteich durch Feuerfloß vertrieben

Der Dorfteich Lichtenrade, ein eiszeitlicher Pfuhl, ist Berlins größter noch erhaltener Dorfteich, und bot durch seine ovale Ausdehnung ideale Bedingungen zur Gründung eines Angerdorfes. Ein Angerdorf ist ein planmäßig um einen Platz angelegtes Dorf, in Form eines Auges.

Die Pfuhle, von denen es in Lichtenrade einige gab, sind Hinterlassenschaften aus der Eiszeit. Sie ließ sogenannte Todeisblöcke zurück, aus denen sich im Untergrund durch langsames Abschmelzen und Nachsacken der Oberfläche Todeislöcher bildeten aus denen dann, wenn sie unterhalb des Grundwasserspiegels angesiedelt
waren, Todeisseen entstanden.

Viele dieser Pfuhle sind in Lichtenrade längst ausgetrocknet oder wurden aufgefüllt. Erhalten geblieben ist lediglich der Dorfteich, der einst aus zwei nebeneinanderliegenden Pfuhlen bestand, wovon der kleinere zugeschüttet wurde.

Das Dorf entwickelte sich im 13. Jahrhundert um den Dorfteich herum. So entstanden hier als erste Gebäude die Dorfkirche und der Dorfkrug. Insbesondere war die Ansiedlung der Schmiede und der Feuerwehr in der Nähe des Teiches und somit in Wassernähe unerlässlich.

Anfangs standen nur vereinzelt Bäume um den Dorfteich herum. Unter anderen gehörte auch ein Birnbaum dazu, der später als Storchennest diente.

Als ehemals ein Storchenpaar in Lichtenrade Einzug hielt und anfing, auf der Pfarrscheune ein Nest zu bauen, was wiederum dem Gemeindevorsteher nicht behagte, veranlasste dieser kurzerhand den Birnbaum am Dorfteich so zu bearbeiten, dass auf ihn ein Storchenpaar brüten konnte. Hierfür wurden drei Hauptäste des Baumes so abgesägt, dass eine Gabel entstand, auf den ein Wagenrad gelegt wurde. Über viele Jahre nutzen Storchenpaare das Nest.

1866 gab es eine große Dürre in Lichtenrade, sodass der Dorfteich so gut wie  ausgetrocknet war. Diese Gelegenheit nutze man, um den Dorfteich von Schlamm zu befreien. 14 Fuß tief - entspricht in etwa 4 Meter - grub man den Morast aus und fuhr ihn auf die Felder des damaligen Lehnschulzen Bornhagen. Nur er hatte von der Domgemeinde, in dessen Zuständigkeit Lichtenrade lag und Eigentümerin des Teiches war, das Recht dazu erhalten, und seine Ernte fiel daraufhin hervorragend aus.

Zur Erinnerung an die im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) gefallenen Soldaten wurde im Frühjahr 1871 gegenüber der Dorfkirche, Alt-Lichten-rade 126, in Anwesenheit vieler Gemeindemitglieder, eine Eiche gepflanzt.

Sie besaß einen Stammdurchmesser von 1,60 Meter. Um die Eiche herum wurde eine Rundbank gebaut, die zum Verweilen einlud. Da dieser Baum ständig bei Gewittern heftigen Blitzen ausgesetzt war, wurde die Bank demontiert und das Gewächs bekam einen Blitzableiter.

Zum 100. Geburtstag der Friedenseiche im Jahre 1971 wurde vom Gartenbauamt Tempelhof die gesamte gärtnerische Anlage der Dorfaue und des Dorfteiches einer gründlichen Durchforstung unterzogen.

Doch all dies änderte Nichts an der Tatsache, dass sich der Zustand der Eiche durch Pilzbefall und Fäulnis zusehends verschlechterte. Eine Fällung des Baumes war unerlässlich. Heute steht an etwa gleicher Stelle ein neuer Baum, eine Buche mit einem Gedenkstein, dessen Inschrift an die Wiedervereinigung von 1989 erinnert.

Auf einigen Postkarten aus vergangener Zeit kann man ein Schwanenpaar auf dem Dorfteich bewundern. Diese waren beliebte Fotomotive. So wurde zur Eröffnung des Kaufhauses Held in Steglitz in den 50er Jahren die Schaufenster mit Motiven aus den westlichen Bezirken geschmückt. Der Bezirk Tempelhof war mit einem Bild der Lichtenrader Dorfkirche samt Dorfteich und Schwanenpaar vertreten.

Die Schwäne, die jahrelang den Dorfteich beheimaten, wurden allerdings durch Unachtsamkeit und Leichtfertigkeit vertrieben. So zum Beispiel bei einer Feier auf der Dorfaue, wo ein Floß mit hell brennenden Chemikalien auf den Teich gesetzt wurde, um damit die Dorfkirche zu beleuchten. Durch diese Aktion wurde das Schwanenpaar aufgescheucht und später in der Feldmark tot aufgefunden.

Das letzte Schwanenpaar Paul und Paulinchen, was von der Verwaltung angeschafft wurde, mieden das Wasser und wanderten lieber durch Bauerngehöfte und Lagerräumen, in denen Futtermittel gelagert wurden. Auch musste dieses Paar des Öfteren auf den umliegenden Feldern gesucht und wieder eingefangen werden. Das Gartenamt verweigerte daraufhin eine Neuanschaffung eines Schwanenpaares. Auf Wunsch des Lichtenrader Haus- und Grundbesitzer-Vereins wurde die Wasseroberfläche mit Seerosen versehen. Seerosen und Schwäne lassen sich aber auf einer verhältnismäßigen kleinen Wasseroberfläche nicht vereinbaren. So gehören die Schwäne seit Anfang der 60er Jahre der Vergangenheit an.

Ein prächtiges Fest um den Pfuhlherum war ohne Zweifel, das 1955 ins Leben gerufene Baumblütenfest. Hier wurde ähnlich, wie heute in Werder, mit eigens kreiertem Obstwein, der „Lichtenrader Spätlese“, gefeiert. Zwei Jahre später wurde dieses Fest allerdings wieder eingestellt.

Dagegen erfreut sich, der seit 1976 alljährlich wiederkehrende, nicht kommerzielle Lichtermarkt, der immer am ersten Adventssonntag rund um den Teich stattfindet, immer größerer Beliebtheit.

Glücklicherweise konnte Lichtenrade um den Pfuhl herum seinen dörflichen Charakter bewahren, was nicht zuletzt auch auf den Bau der Umgehungsstraße aus dem Jahre 1928 zurückzuführen ist. Somit dient er auch heute seinen Bewohnern als erholsamer Rückzugsort.

Marina Heimann

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